Von Neu-Ulm nach Bukoba: Wie Team works! Wissensaustausch im Feuerwehralltag ermöglicht
Sechs Wochen lang lernte der tansanische Feuerwehrmann Baraka den Einsatzalltag in Deutschland kennen und bereicherte gleichzeitig das Team in Neu-Ulm mit seiner Erfahrung im Umgang mit knappen Ressourcen. Christian Hagedorn, Vorsitzender von der European Fire & Rescue Support Association, berichtet im Interview, wie Team works! echten Austausch auf Augenhöhe fördert und nachhaltige Impulse für beide Seiten schafft.
Wie kam es dazu Baraka, eine junge Fachkraft aus Tansania, für eine Team works!-Hospitation bei Ihnen aufzunehmen?
Unsere Hilfsorganisation, die European Fire & Rescue Support Association, engagiert sich schon länger intensiv in Ostafrika. Wir bilden vor Ort Einsatzkräfte aus und unterstützen den Aufbau von Rettungsdiensten und Feuerwehrstrukturen mit Ausrüstung und Material aus Deutschland. Da viele Wehren dort unter starkem Materialmangel leiden und oft nur ein einziges einsatzfähiges Fahrzeug besitzen, wollten wir die Ausbildung auf ein neues Level heben. Mit Team works! konnten wir Baraka die Chance geben, die deutsche Ausrüstung und Taktik sechs Wochen lang direkt im aktiven Dienst auf einer deutschen Feuerwache kennenzulernen.
Was waren Ihre Erwartungen an die Zusammenarbeit?
Unsere Erwartung war ein echter, praxisnaher Wissensaustausch auf Augenhöhe. Baraka sollte bei der Feuerwehr Neu-Ulm intensiv geschult werden – insbesondere im taktischen Bereich, wie dem extrem wasser- und ressourcensparenden Löschen von Bränden. Das Ziel war von Anfang an ein Multiplikatoren-Effekt: Baraka sollte als Ausbilder zurückkehren, um sein neu gewonnenes Wissen in seiner Heimat an andere Kameradinnen und Kameraden weiterzugeben und so nachhaltig zur Verbesserung der dortigen Sicherheit beizutragen.
Welche Fähigkeiten, Kenntnisse oder Erfahrungen hat die junge Fachkraft Baraka mitgebracht, von denen Sie und Ihre Mitarbeitenden profitieren konnten?
Baraka hat uns alle mit seiner unglaublichen Improvisationsfähigkeit, Resilienz und seiner tiefen Berufung als hauptberuflicher Feuerwehrmann beeindruckt. In Tansania gibt es oft kein flächendeckendes Hydrantennetz – wenn das Wasser am Löschfahrzeug leer ist, muss man teilweise eine halbe Stunde zur nächsten Wasserstelle fahren, während es weiter brennt. Diese völlig andere Realität und Barakas strukturierte Herangehensweise unter extremen Mangelbedingungen haben uns sehr geerdet. Es hat unseren Blick dafür geschärft, wie wichtig Flexibilität, Kameradschaft und der Fokus auf das Wesentliche im Einsatz sind.
Warum lohnt es sich, offen für internationale Zusammenarbeit und interkulturellen Austausch zu sein?
Retten kennt keine Grenzen – Kameradschaft verbindet uns weltweit. Der interkulturelle Austausch bricht Vorurteile auf beiden Seiten auf und erweitert den eigenen Horizont massiv. Man lernt, die eigenen Privilegien und die hier vorhandene High-Tech-Ausrüstung wieder ganz neu zu schätzen. Gleichzeitig sieht man, mit wie viel Herzblut und Professionalität die Kolleginnen und Kollegen in Tansania trotz schwieriger Rahmenbedingungen arbeiten. Dieser gegenseitige Respekt schweißt ungemein zusammen.
Was würden Sie anderen Betrieben und Unternehmen sagen, die überlegen, ähnliche Hospitationen anzubieten?
Macht es unbedingt! Der organisatorische Aufwand wird durch den enormen menschlichen und fachlichen Gewinn für das gesamte Team um ein Vielfaches aufgewogen. Es bringt frischen Wind in die Dienststelle oder den Betrieb, stärkt den Zusammenhalt und zeigt den Mitarbeitenden, dass das Unternehmen oder die Organisation über den Tellerrand hinausdenkt und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Dank Programmen wie dem DAJW wird man zudem großartig bei der Umsetzung unterstützt.
Gibt es eine Situation, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben wird?
Da gibt es zwei Momente, die mir ganz besonders im Gedächtnis bleiben werden. Der erste war das pure Staunen in Barakas Augen, als er das erste Mal die enorme technische Ausstattung gesehen hat, gerade bei der Freiwilligen Feuerwehr. Zu sehen, wie viel hochentwickelte Technik hier ehrenamtlich bewegt wird, war für ihn absolut faszinierend.
Der zweite Moment war eher kulinarischer Natur: Am allerersten Abend sind wir gemeinsam Döner essen gegangen. Für Baraka war das ein absoluter Kulturschock – aber einer, der am Ende allen Beteiligten fantastisch geschmeckt hat! Diese ungezwungenen Momente am Tisch schweißen einfach am schnellsten zusammen.
Würden Sie erneut eine junge afrikanische Fachkraft aufnehmen?
Ein klares Ja! Die Hospitation war ein absoluter Vollerfolg und hat bei uns sowie vor Ort in Tansania extrem positive Impulse gesetzt. In Bukoba wurde mittlerweile eine neue Feuerwache nach deutschem Vorbild erbaut, und wir bauen aktuell eine Freiwillige Feuerwehr in der Region auf. Genau deshalb planen wir bereits die nächste Hospitation für einen jungen tansanischen Feuerwehrmann diesmal in Kooperation mit einer anderen Berufs- und Freiwilligen Feuerwehr in Deutschland.