"Gelernt habe ich, dass 'nachhaltig' nicht gleich 'nachhaltig' ist."

Melanie ist Architektin und lebt mittlerweile in Lausanne. Im vergangenen März hospitierte sie als Teilnehmerin von Team works! an einer Berufsschule im Ruhango District in Ruanda. Dort unterstützte sie gemeinsam mit SES-Expertin Irene Albers-Richter den Bereich Gebäudebau. Was sie weitergeben konnte und was sie gelernt hat, erzählt sie uns hier!

Das Interview

In welchem Betrieb hast du deine Hospitation absolviert? Was waren deine hauptsächlichen Tätigkeiten?

Als Architektin habe ich drei Wochen an einer Berufsschule, genauer gesagt, dem Lycée de Ruhango in Ruanda, im Bereich Bauwesen hospitiert. Gemeinsam mit der SES-Expertin war ich den Lehrkräften für Gebäudebau zugeteilt. Unsere Aufgabe bestand vor allem darin, sie in CAD-Programmen fortzubilden, damit sie mit dem technischen Wandel mithalten können. Während des computergestützten Zeichnens konnten wir Grundprinzipien der Architektur thematisieren, wie: Was macht ein gleichbleibendes Steigungsverhältnis einer Treppe aus? Wie findet man auf dem Grundrissplan die Stelle, wo der Schnitt durchgeht? Oder auch: Was bedeutet es 'im Maßstab' zu zeichnen?

Ein volles Klassenzimmer: Die Schüler tragen weiße Hemden und arbeiten konzentriert. Im Hintergrund sieht man eine vollbeschriebene Tafel.
Impressionen aus dem Unterricht

Was hast du während deiner Hospitation gelernt, sei es von deinen Kolleg*innen, Vorgesetzten oder selbstständig? Und welche deiner Fähigkeiten konntest du weitergeben?

Gemeinsam mit der SES-Expertin habe ich versucht, den Aspekt der Nachhaltigkeit einzubringen. Als wirtschaftlich wachsendes Land sieht Ruanda den größten Fortschritt in Stahlbetonkonstruktionen. In Europa versuchen wir uns aufgrund der negativen Umweltbilanz von solchen Konstruktionen weg zu entwickeln. Wir haben den Lehrkräften Holz als natürlichen, nachwachsenden und vielseitigen Baustoff vorgestellt.  Dessen statische Tragfähigkeit in einem industriell verarbeiteten Produkt war ihnen nicht bekannt. Dennoch bleibt die Frage offen, ob Holz in Ruanda in so großem Stil wie bei uns eingesetzt werden kann, da die Standortfaktoren andere sind und es nicht ausreichend Holz gäbe, um den Baubedarf zu decken. Gelernt habe ich also, dass 'nachhaltig' nicht gleich 'nachhaltig' ist.

Melanie ist auf einer Baustelle und unterhält sich mit einem der dort zuständigen Menschen.
Ausflug zur Baustelle

Warum hast du dich für Team works! und das DAJW entschieden?

Mich hat der Gedanke sehr angesprochen mit Menschen eines afrikanischen Landes ein Team zu bilden, um sich austauschen und voneinander lernen zu können.

Was hat dich am meisten überrascht?

Am meisten haben mich die harten Bedingungen der Ausbildung überrascht. Die Jugendlichen verbringen das gesamte Jahr im Internat. Selbst am Wochenende fahren sie nicht nach Hause, sondern die Eltern kommen einmal im Monat. Der Unterricht beginnt um 8 Uhr. Schon davor sitzen die Schüler*innen im Klassenzimmer – und um 20 Uhr abends sitzen sie noch immer dort...

Welche Vorteile hat es, ein Tandem mit einem*einer SES Expert zu bilden?

Die SES-Expertin hatte schöne Beispiele von Bauprojekten in Ruanda herausgesucht, die sowohl von ihrem sozialen Ansatz her nachhaltig sind als auch einheimische ästhetische Materialien verwenden. Dies war für mich sehr lehrreich und hat meinen fachlichen Horizont erweitert. Andererseits erwies es sich als sehr interessant, von vorherigen Erfahrungen der SES-Expertin in anderen Einsatzländern zu hören.

SES-Expertin Irene Albers-Richter verteilt am Ende Zertifikate. Mit ihr im Bild sind zwei Teilnehmer des Workshops. Sie alle halten ihre Zertifikate hoch.
Am Ende gibt es Zertifikate

Was würdest du anderen jungen Menschen, die sich für eine Hospitation im Ausland interessieren, mit auf den Weg geben?

Einfach offen hingehen. Die Menschen dort werden dich ebenfalls offen und neugierig empfangen! Und natürlich ist es auch immer hilfreich, sich im Vorfeld über die Kultur und Geschichte des Gastlandes zu informieren.

Nenne uns drei Dinge oder Erfahrungen, die du aus deiner Hospitation mitnimmst:

  1. Der Zeitbegriff ist ein anderer.
  2. Man muss die Erwartungen an sich selbst herunterschrauben und sich mehr auf die Kultur des Gastlandes einlassen.
  3. Meine Hospitation ist leider nur temporär, sodass ich in einigen Bereichen leider nur an der Oberfläche bleiben konnte.
Melanie steht mit Kochmütze in einer Küche, vor ihr steht ein herzförmiger Kuchen. Von einem Moderator wird sie für eine Kochshow interviewt.
Ein Highlight: Melanie durfte bei einer Kochshow im ruandischen Fernsehen teilnehmen. Aus dem geplanten typisch deutschen Apfelkuchen wurde aufgrund fehlender „apples“ schließlich ein „pine-apple“ pie – the best of both worlds!

Was wirst du nie vergessen?

In Ruanda braucht man Zeit. Das lernte ich schnell bei meinem allerersten Abend, als uns der Direktor mit weiteren Lehrkräften in ein Restaurant zum Abendessen einlud. Das Erste, was er tat, war UNO-Karten hervor zu zücken. Das kam mir im Arbeitskontext etwas seltsam vor, aber schnell verstand ich, dass in Ruanda ein anderes Zeitverständnis herrscht. Und so verbrachten wir einen gesellschaftlichen Abend miteinander.

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